Land unter e. V.
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Die Heideweiher

Auf der Suche nach den Himmelsteichen

Warum die merkwürdigsten Gewässer Deutschlands einst verschwanden

 

Von Tobias Böckermann (erschienen im Vögel-Magazin 2/2014)

 

Meppen. Nichts ist gewöhnlich an den alten Himmelsteichen. Kristallklar blinkt ihr Wasser, strahlend weiß leuchtet ihr Strand, ungebremst peitscht der Wind ihre Ufer. Vor 150 Jahren gab es allein im Emsland in Nordwestniedersachsen rund 300 Heideweiher – eiszeitlicher Sturm hatte diese flachsten und merkwürdigsten deutschen Gewässer aus den sandigen Weiten herausgeblasen.

Aber nur eine Handvoll hat bis heute überdauert, kaum eines unbeschadet. Die letzten ihrer Art beherbergen einige der seltensten Pflanzen Deutschlands. Wer sie kennenlernt ist von diesen botanischen Raritäten fasziniert - so wie von der weiten Heide selbst, der Künstler schon immer nachsagten, ihr Anblick streichele die Seele und gebe Raum für große Gedanken.

Von Nordbelgien über die Niederlande und Nordwestdeutschland bis Dänemark und Polen waren Heideweiher einst verbreitet, im Emsland und der Grafschaft Bentheim in Deutschlands Nordwesten gab es besonders viele. Heute sind die Weiher, die nichts weniger vertragen als ein Zuviel an Nährstoffen und ein Zuwenig an Wasser, zumindest hier fast verschwunden.

Heideweiher  sind ungewöhnliche Gewässer. Denn obwohl sie Hunderte oder gar Tausende von Jahren alt sein können, sind sie, und mit ihnen ihre Pflanzenwelt, jung geblieben.  Eigentlich neigt jedes flache, stehende Gewässer– vereinfacht gesagt – zum Verlanden. Nährstoffe reichern sich als Folge vieler natürlicher Prozesse an, das Leben pulsiert so stark, dass mehr wächst als abgebaut wird. Wasserpflanzen nehmen mit der Zeit die offene Wasserfläche ein, das Gewässer wird durch Ablagerungen und Schlamm immer flacher. Schließlich entsteht ein Sumpf oder ein Niedermoor.

Ein intakter Heideweiher und seine großen und tiefen Verwandten, die hauptsächlich in Skandinavien anzutreffenden Geestseen, bleiben dagegen lange Zeit jung. Denn Nährstoffe gibt es aufgrund des sandigen oder kiesigen Untergrundes von Natur aus kaum, konkurrierende Pflanzen wachsen spärlich. Der Prozess der Verlandung kommt kaum in Gang. Die Tatsache, dass viele Weiher zudem ausschließlich durch nährstoffarmes Regenwasser gespeist werden und keinen Zufluss aus der Umgebung besitzen, hat Hans-Christoph Vahle, einen der renommiertesten deutschen Kenner dieser Gewässer, zu der Bezeichnung „Himmelsteiche“ veranlasst. In diesem speziellen Umfeld wachsen also jene Blumen, die es anderorts kaum gibt.

 

Wie die Heideweiher entstanden

Ihre Entstehungsgeschichte ist schnell erzählt: Als nach dem Ende der letzten Eiszeit die Kälte verschwand, hinterließ sie in Norddeutschland eine offene Tundrenlandschaft, in die überall kleine Gewässer eingebettet waren. Vielfach blies der ungebremste Wind auch neue Mulden aus, die sich mit Wasser füllten. Als es in den Jahrtausenden nach der Eiszeit dann wieder wärmer wurde, wuchsen neue Wälder und fielen Schatten und Nährstoffe, zum Beispiel durch verrottendes Herbstlaub, auf die Weiher. Der natürliche Prozess der Anreicherung mit Nährstoffen und langsamen Verlandung nahm seinen Lauf und viele Heideweiher verschwanden. Nur an wenigen Stellen haben sie die Zeit überdauert, zum Beispiel als besonders tiefer Geestsee wie der Wollingster See bei Bremerhaven.

Viele Heideweiher sind also auf natürlichem Wege wieder verschwunden und waren nur eine Episode in der Geschichte unserer Landschaft. Dass es in der Neuzeit dennoch wieder Heideweiher gab, ist vermutlich auch dem Menschen zu verdanken. Denn als er vor Jahrtausenden mit der Landwirtschaft begann und seine Schafe und Rinder den Wald in offene Heiden verwandelten, wurden einige alte Weiher wieder Wind und Sonne ausgesetzt. Möglicherweise nutzte der Mensch im Rahmen der Heide-Plaggenwirtschaft auch das inzwischen mit Nährstoffen angereicherte Substrat am Grunde der alten Weiher für die Düngung seiner Felder – zurück blieb ein regenerierter, sandiger Heideweiher. Flache Mulden entstanden in der plötzlich ausgeräumten Landschaft zudem durch starke Winde neu – Neustart für Lobelie und Strandling.

Nur sehr wenige Heideweiher sind erhalten geblieben, intakt  blieben deutschlandweit eine Handvoll. Vor allem die Aufgabe der Heidewirtschaft und später die  Entwässerung und Kultivierung haben einen Aderlass in Gang gesetzt, der sehr gründlich die für jede moderne Nutzung ungeeigneten, gleichzeitig wegen ihrer geringen Tiefe aber leicht zu kultivierenden Weiher vernichtet hat.

 

Botanische Kostbarkeiten

Sie beherbergen spezialisierte Kostbarkeiten der Pflanzenwelt, die – vereinfacht gesagt – auf Nährstoffarmut, klares, nicht zu saures Wasser, Sand- oder Kiesgrund und Sonne angewiesen sind. Außerdem leben viele Arten amphibisch – benötigen also den Wechsel von Überschwemmung und Trockenheit, der sich am besten in flachen Gewässern oder tieferen ohne Zu- und Abfluss einstellt. Einige Arten haben im Emsland und der Grafschaft Bentheim bis heute ihren deutschen, manche sogar ihren europäischen Verbreitungsschwerpunkt und sind deshalb besonders zu schützen.

Sehr auffällig und in Deutschland mit zwei sicheren, höchstens aber drei oder vier Standorten extrem selten ist die Wasser-Lobelie (Lobelia dortmanna). Wo sie gute Bedingungen vorfindet, kann sie zu Zehntausenden blühen. Sie hat dem Lobelien-Heideweiher als Charakterart ihren Namen gegeben und bevorzugt das Nordostufer von Heideweihern oder Geestseen, weil hier der Wind dafür sorgt, dass sich kein Schlamm ablagern und die Keimung behindern kann. Ungebremster Wind spielt damit also nicht nur bei der Bildung der Heideweiher eine Rolle, sondern auch für den Erhalt ihrer Pflanzenwelt.

Gleiche Bedingungen wie die Lobelie benötigt der Strandling (Littorella uniflora). Er blüht nur wenn er trocken fällt und kann dichte Unterwasserrasen, aber auch Landformen bilden. Er kam und kommt häufiger vor als die Lobelie, ist aber europaweit in seinem Bestand bedroht.

Das See-Brachsenkraut (Isoëtes lacustris) war in Deutschland stets extrem selten, weil die hier vorhandenen Gewässer zu flach waren, um dem Brachsenkraut, das in größerer Wassertiefe als Lobelie und Strandling wächst, geeignete Bedingungen zu bieten. Es gibt nur noch einen norddeutschen Standort, auch europaweit wird die Art selten. Der Biologe Vahle hat dokumentiert, dass Strandling und Lobelie ihren Standort sogar für sich selbst verbessern können, indem sie mehr als andere Pflanzen über ihre Wurzeln Sauerstoff ins Erdreich pumpen und so zum Abbau von Nährstoffen beitragen.

Das Sumpfjohanniskraut (Hypericum elodes) hatte seinen Verbreitungsschwerpunkt stets im Emsland und der Grafschaft Bentheim, weshalb die wenigen verbliebenen Vorkommen für die Art sehr bedeutsam sind. Es blüht nur bei Sonnenschein und nur nachmittags.

Der Faden-Enzian (Cicendia filiformis) wird nur höchst selten entdeckt – zum einen weil er extrem selten geworden ist, zum anderen wegen seiner Winzigkeit. Der kleine Bruder der aus den Alpen bekannten Enziane misst inklusive Blüte nicht selten nur einen Zentimeter. Er blüht nur bei vollster Sonne.

Der Reinweiße Wasserhahnenfuß (Ranunculus ololeucos) ist ebenfalls europaweit sehr selten geworden. Seine wichtigsten deutschen Bestände hat er im Emsland.

Das Froschkraut (Luronium natans) lebt ebenfalls vorwiegend in der genannten Region. Es wird im  Anhang der Flora-Fauna-Habitat Richtlinie (FFH) der EU europaweit geschützt und ist stark gefährdet.

Das Gelbweiße Scheinruhrkraut (Pseudognaphalium luteo-album) ist eine sehr unstete Pflanze. Es benötigt offene Sandflächen, die mal feucht und mal trocken sind, um zu keimen. Die Pflanze bildet Tausende kleiner Samenschirmchen, die kilometerweit verdriftet werden.

Der Pillenfarn (Pilularia globulifera) lebt an flachen, nährstoffarmen Gewässerufern. Er ist europaweit stark gefährdet.

Der Schmalblättrige Igelkolben (Sparganium angustifolium) kommt ebenfalls bevorzugt in Heideweihern vor. Im Gegensatz zu seinen größeren Verwandten, etwa dem Ästigen Igelkolben, richtet er seine Blätter nicht auf, sondern sie liegen flach auf dem Wasser. Allerdings werden sehr oft Hybriden gebildet.

Auch der Lungenenzian (Gentiana pneumonanthe) fühlt sich an den Ufern der Heideweiher wohl. Er verträgt Überschwemmung im Winter und blüht erst im Spätsommer in sattem Blau.

 

Die Armleuchteralgen schließlich bilden eine sehr merkwürdige Pflanzenfamilie, die ähnliche Ansprüche an den Lebensraum stellen wie die Pflanzen der Heideweiher. Vielleicht deshalb gehören sie zu den am stärksten bedrohten Organismengruppen in Deutschland. Ihren Namen erhielten sie wegen der entfernten Ähnlichkeit mit alten Kerzenleuchtern. Da sie über kein luftgefülltes Gewebe verfügen, steigen abgerissene Pflanzenteile nicht an die Oberfläche auf. So kann es sein, dass das Vorkommen von Armleuchteralgen in tieferen Seen leicht übersehen wird.

Die Situation der meisten Pflanzen dieses Lebensraumes ist, wie gesehen, prekär. Alle sind mehr oder weniger bedroht. Deshalb bemühen sich seit einiger Zeit haupt- und ehrenamtliche Naturschützer um Abhilfe – nur selten allerdings mit durchschlagendem Erfolg. Wie ein Heideweiher im Optimalzustand aussieht, lässt sich allerdings in den Niederlanden erleben. Bergvennen heißt eine Kette von vier Gewässern direkt hinter der Grenze bei der niedersächsischen Stadt Nordhorn. Die Lobelie blüht hier zu Hunderttausenden – dank umfangreicher Renaturierungsmaßnahmen vor einigen Jahren.

Die Heideweiher
Ein Zeitungsartikel aus der Meppener Tagespost
Heideweiher.pdf
PDF-Dokument [585.4 KB]

Ein interessantes Video über die Besonderheiten der Heideweiherpflanzen

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© Land unter e. V. Fotos und Layout: Tobias Böckermann