Land unter e. V.
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Unsere Streuobstwiese

Unsere Streuobstwiese verdient ihren Namen eigentlich noch nicht, denn sie ist noch nicht fertig. Auf einem 1000 Quadratmeter großen Stück Grünland, das zwischen unserem Schafstall und dem NSG Versener Heidesee liegt, haben wir bisher vier Hochstamm-Exemplare einer ganz besonderen Apfelsorte gepflanzt: Bödikers Goldrenette wächst hier seit dem Jahr 2013. Die Wiese soll fortlaufend ergänzt werden. Sie dient nicht nur der Versorgung mit Äpfeln, sondern hat auch erhebliche ökologische Bedeutung.

 

 

 

Bödikers Goldrenette
Die Wiederentdeckung einer alten Apfelsorte
Apfelreportage.pdf
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Empfehlenswerte alte Apfelsorten für das Emsland
Empfehlenswerte Apfelsorten für das Emsl[...]
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„Bödikers Goldrenette“ - eine wiederentdeckte alte Apfelsorte aus Meppen

 

Wie sich vor 150 Jahren sich ein Jurist der Pomologie verschrieb

 

Einst gab es sie fast so zahlreich wie den sprichwörtlichen Sand am Meer: Apfelsorten, viele von ihnen sind vergangen und vergessen. Auch ein Emsländer ist einmal als Züchter sehr erfolgreich gewesen: Der Meppener Jurist Laurenz Bödiker hat vor 150 Jahren eine nach ihm benannte Goldrenette erschaffen – jetzt wurde der Apfel in England wieder entdeckt.

 

Sie können mild süß schmecken oder schaurig sauer, herzhaft bananig oder vorsichtig nussig, mehlig herb oder zart schmelzend: Äpfel sind das beliebteste Obst der Deutschen, mehr als 30 Kilogramm pro Jahr lässt sich hierzulande jeder schmecken. Mindestens 800 Sorten waren  allein in Norddeutschland einst bekannt, mehrere Hundert im Raum Weser-Ems. Aber die meisten sind wieder verschwunden – verdrängt von Elstar, Jonagold und Co – weltweit gängigen Einheitssorten. In Vergessenheit geraten sind mit den Äpfeln nicht nur kulinarische Erlebnisse, die diese Bezeichnung verdienen. Auch ihre Züchter wurden von der Geschichte verschluckt – Menschen wie der Meppener Jurist Laurenz Bödiker. Er hat im 19. Jahrhundert rund ein Dutzend Obstsorten nach eigenen Vorlieben gezüchtet. Nur eine, nämlich „Bödikers Goldrenette“, hat die Zeit überdauert – in einer Arche für Obstbäume in England, in der sie der Autor mit Hilfe von Fachleuten wiederfinden konnte.

 

Biografie

Laurenz Bödiker  lebte von 1783 bis 1863 und war der Großvater jenes Haselünner Ehrenbürgers Tonio Bödiker, der später als Erfinder der Sozialversicherung zu Ruhm und Ehre kommen sollte. Laurenz Bödiker also wurde am 31. Juli 1783 in Haselünne geboren. Er war später als Jurist in Haselünne, Lingen und zuletzt Meppen tätig, wurde 1852  zum Obergerichts-Vizedirektor am neu entstandenen Gesamtobergericht Meppen ernannt. Bödiker muss über ein gewisses Vermögen verfügt haben und besaß mehrere Häuser. Als Jurist war er anerkannt, er war dreimal verheiratet und hatte 14 Kinder. Dennoch muss ihm Zeit geblieben sein, um seinem wichtigsten Hobby nachzugehen: Der Erschaffung neuer Obstsorten.

Überliefert ist der Kauf eines Grundstückes in Meppen, für das er im Jahr 1831 genau 100 Reichstaler an den Herzog von Arenberg zahlte. Hier, vermutlich in der Nähe des heutigen Emslandstadions, baute Bödiker seine Obstbäume an.

 

Der Meppener Jurist schickte seinerzeit bedeutenden Pomologen, also Obstkundlern Reiser seiner Sorten, also dünne Ästchen, die Kundige durch Veredelung wieder in einen vielversprechenden Apfelbaum verwandeln konnten. Dass Laurenz Bödiker selbst zu seiner Zeit ein bekannter Pomologe war, ist durch vielfache Kommunikation mit anderen Obstkundlern belegt. Wie viele neue Obstsorten Laurenz Bödiker in seinem Meppener Obstgarten insgesamt erschaffen hat, ist nicht überliefert. Allerdings muss es eine ganze Reihe gewesen sein, in der Bödiker-Familienchronik findet sich ein Hinweis auf  etwa ein Dutzend Apfelsorten und eine Birne, die nach dem Meppener Pomologen benannt gewesen sein sollen.

 

 

Bödikers Goldrenette

Wann genau Bödiker seine eigenen Sorten kreierte, ist nicht mehr nachzuvollziehen, Anhaltspunkte liefern nur Beschreibungen in alten Standardwerken der Obstsorten. Der Pomologe Johann Georg Conrad  Oberdieck etwa hat Hunderte beschrieben, darunter auch einige, die er aus Meppen erhalten hatte. Bödikers Goldrenette, wahlweise damals auch „Boedikers Gold-Reinette“ geschrieben, also jenen Apfel, um den es hier in der Hauptsache gehen soll, erwähnte er erstmals im Jahr 1865, also schon nach Bödikers Tod. Er schrieb: „Diese schätzbare Frucht, die wegen Güte des Geschmacks so wie schönen Wuchses und früher und reicher Fruchtbarkeit des Baums in jedem Garten eine Stelle verdient, erzog Herr Kanzlei-Director Bödiker zu Meppen, von dem ich das Reis empfing.“

Bödiker hatte die Sorte vermutlich aus der Französischen Goldrenette entwickelt, was der Geheimrat der Medizin und Autor eines weiteren Sortenstandardwerkes, Theodor Engelbrecht, 1889 notierte. Die Goldrenette war ein in Frankreich damals sehr geschätzter Apfel, aus dem viele andere Sorten hervorgingen. Bödikers Frucht war spätreif und schmeckte erst ab November richtig gut. Dafür war sie sehr lagerfähig und sprang nicht wie viele andere Sorten bei Dauerregen auf. Oberdieck und Engelbrecht beschrieben das Fruchtfleisch als fein, markig bis mürbe, saftig, süß und verlockend zimtartig.

Ob die Frucht auch den Geschmack heutiger Verbraucher träfe, lässt sich nicht mehr oder noch nicht wieder sagen. Denn irgendwann ist Bödikers Goldrenette aus den Sortenlisten der Baumschulen und dann auch aus den Obstgärten verschwunden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lassen sich jedenfalls keine deutschen Quellen oder Standorte mehr finden. Auch die aktuelle Suche nach dieser wie den weiteren Sorten Bödikers blieb zunächst erfolglos.

 

Der Wiederfund

Erst ein Anruf beim Bund für Umwelt und Naturschutz in Lemgo in Nordrhein-Westfalen brachte den entscheidenden Hinweis. Die Ortsgruppe des BUND betreut in Lemgo eine Streuobstwiese mit alten Sorten und betreibt eine Obstsortendatenbank im Internet. Willi Hennebrüder vom BUND Lemgo startete nach einem Kontakt mit dem Autor dieses Artikels eine Recherche und stieß in der englischen Sortendatenbank von Brogdale tatsächlich auf Bödikers Goldrenette. In Brogdale werden seit mehr als 100 Jahren alte Obstsorten in einer Art lebender Genbank erhalten und zwar in der „National Fruit Collection“. Mehr als 3500 verschiedene Äpfel, Birnen oder Kirschen werden hier auf einer Farm kultiviert. Der  britischen Datenbank ist zu entnehmen, dass „Bödikers Goldrenette  im Jahr 1947 von Frankreich aus nach England gelangte. Auf welchem Wege und warum ist nicht mehr zu recherchieren.

 

 

Äpfelrassen auf dem Hümmling

Welche Apfelsorten im Emsland einst verbreitet waren, lässt sich derweil nicht mehr mit Sicherheit sagen. Alter Literatur ist aber zu entnehmen, dass in den 1920er Jahren auf dem Hümmling besonders die Sorten Borsdorfer (auf dem Hümmling „Keeskes“ genannt), der Schöne von Boskoop und die Graue Herbstrenette gute Erträge brachten. 15 Prozent aller Apfelböume, die damals registriert wurden, wurden als „Paradies-Apfel“ benannt. Bei ihm handelte es sich vermutlich um den Roten Eiserapfel, eine sehr alte Sorte unbekannter Herkunft, die schon im 16. Jahrhundert in Deutschland angebaut wurde uns stellenweise noch immer im Emsland zu finden ist.

Dank der Initiative des Naturschutzbundes Emsland/Grafschaft Bentheim gibt es über die aktuell im Emsland und der Grafschaft Bentheim vorhandenen Obstbäume und Obstsorten einen Überblick. 2006 hatte der NABU in Meppen einen Apfeltag veranstaltet, bei dem Pomologen mitgebrachte Äpfel aus der Region bestimmen konnten. Dabei zeigte sich, dass die ältesten noch vorhandenen und hier vorgestellten Bäume  seit rund Hundert Jahren im Raum Wietmarschen stehen. Zu finden sind dort die Sorten Kaiser Wilhelm (bekannt seit 1864) und Prinz Albrecht von Preußen (1863 erstmals gezogen). In Aschendorf wächst ein 95 Jahre alter Altländer Pfannkuchenapfel, in Haren ein 80 Jahre alter Roter Eiserapfel. Auch Krügers Dickstiel, Pannemanns Tafelapfel oder Finkenwerder Herbstprinz sind zu finden. Immerhin rund 80 verschiedene Apfelarten konnten die Pomologen notieren. Bödikers Goldrenette war nicht dabei, was aber auch daran liegen kann, dass der Baum zum Zeitpunkt der Bestimmung keinem der Experten so weit bekannt war, dass er ihn hätte identifizieren können. Auch fehlt das Vergleichsmaterial.

Mit dem Roten Papenburger verfügt das Emsland über eine weitere regionale Apfelsorte. Der Baum ist am 22. Oktober 1949 auf seinen Namen getauft worden, geriet aber relativ bald in Vergessenheit. Erst die Initiative des Papenburgers Johannes Lindemann, der die Sorte vor einigen Jahren wiederentdeckte hat dafür gesorgt, dass der „Rote Papenburger“ wieder erhältlich ist und nicht in Vergessenheit geriet.

 

Ursachen für den Verlust der Vielfalt

Dafür, dass fast alle Apfelsorten im Laufe der Zeit wieder verschwunden sind, gibt es Gründe. Einige der alten Äpfel sind zwar delikat, haben aber – wirtschaftlich - unangenehme Eigenschaften. Der Rotfranch zum Beispiel trägt erst nach 30 Jahren so viele Früchte, dass sich die Ernte lohnt. Andere Sorten sind klein, unförmig oder nicht knackig genug, jedenfalls nicht im Sinne heutiger Verbraucher. All diese Nachteile sind zumindest im Erwerbsobstbau kaum hinnehmbar. Benötigt werden Sorten, die gut aussehen, dem Konsumenten schmecken, mit den gängigen, zumeist chemisch intensiven, Mitteln des Erwerbsgartenbaus leicht zu produzieren und weltweit handelbar sind. In den 1960er Jahren wurden deshalb bundesweit die Sortenlisten bereinigt und auf Ertrag getrimmt.

Die alten, oftmals ertragsschwächeren regionalen Obstsorten scheinen somit vor allem eine Angelegenheit für Gourmets zu sein oder für Kleingartenbesitzer mit Freude an Regionalem. Ihren Platz sollten sie allerdings auch dort finden, wo die Standorte der Bäume nicht den Bedürfnissen der Allerweltssorten angepasst werden können oder sollen. Wer im Garten einen Obstbaum mit wenig Chemie kultivieren will, ist mit an die jeweilige Umgebung angepassten Sorten manchmal besser bedient, weil sie modernen Sorten bei Gesundheit und Widerstandskraft überlegen sind.

Um die Vielfalt der vorhandenen Sorten zu erhalten, werden im Obstbau zwei Möglichkeiten genutzt. In Genbanken wie Brogdale oder seit 2007 in Dresden-Pillnitz werden Hunderte Apfelsorten erhalten als Gehölze im Freiland erhalten. Aufgrund der großen Vielfalt an Obstsorten sind aber auch in den großen Banken kaum verbreitete Lokalsorten nur selten enthalten. Für emsländische Lokalsorten gibt es keine spezielle Genbank. Eine zweite Möglichkeit, Obstsorten zu erhalten, ist der Anbau in Privatgärten oder Obstwiesen. Der Landkreis Emsland hat hierfür ein Förderprogramm aufgelegt.

 

Bödikers Goldrenette ist inzwischen in mehr als 20 Exemplaren wieder im Emsland angebaut worden. Wer Interesse an einem Baum hat, kann sich bei uns melden. Ab und zu haben wir welche. 

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© Land unter e. V. Fotos und Layout: Tobias Böckermann